1 Woher das Trinkwasser in Deutschland kommt
Rund 70 Prozent des deutschen Trinkwassers stammen aus Grund- und Quellwasser. Die übrigen 30 Prozent kommen aus Talsperren, Flüssen und Seen sowie aus Uferfiltrat, also Oberflächenwasser, das auf dem Weg durch den Boden vorgereinigt wurde.
Welche Mischung Ihr Versorger nutzt, hängt vom Untergrund ab. Wo mächtige Grundwasserleiter liegen, wird gefördert. Wo die fehlen, etwa in Teilen von Sachsen und Thüringen, versorgen Talsperren die Region.
Das ist mehr als eine geologische Randnotiz. Die Herkunft bestimmt, wie hart das Wasser ist, wie es schmeckt und welche Aufbereitungsschritte nötig sind.
2 Grundwasser, Quellwasser, Uferfiltrat: die Unterschiede
Die drei Begriffe werden oft vermischt, bezeichnen aber verschiedene Dinge.
Grundwasser ist Wasser, das durch Boden- und Gesteinsschichten gesickert ist und sich über einer wasserundurchlässigen Schicht sammelt. Es wird über Brunnen gefördert. Die Bodenpassage wirkt dabei als natürlicher Filter: Je länger sie dauert, desto sauberer kommt das Wasser an. Das ist auch der Grund, warum Nitrat aus der Landwirtschaft Jahrzehnte braucht, bis es im Brunnen auftaucht.
Quellwasser tritt von selbst an die Oberfläche, weil eine undurchlässige Schicht es nach oben zwingt. Es ist technisch gesehen Grundwasser, nur ohne Pumpe.
Uferfiltrat entsteht, wenn in Ufernähe eines Flusses Brunnen betrieben werden. Das Flusswasser wird dadurch angesaugt und muss den Boden durchwandern, bevor es im Brunnen ankommt. Diese Passage leistet einen großen Teil der Reinigung. Große Städte am Rhein arbeiten seit Jahrzehnten so.
Oberflächenwasser aus Talsperren und Seen wird direkt entnommen und braucht die aufwendigste Aufbereitung, weil es weder gefiltert noch temperaturstabil ankommt.
3 Was im Wasserwerk mit dem Rohwasser passiert
Im Wasserwerk wird aus Rohwasser Trinkwasser, und der Aufwand richtet sich danach, womit man anfängt. Gutes Grundwasser braucht mitunter nur Belüftung und Filtration, Oberflächenwasser durchläuft die volle Strecke.
Die gängigen Schritte:
- Belüftung. Das Wasser wird verrieselt oder eingeblasen. Dabei entweichen Kohlendioxid und Schwefelwasserstoff, und gelöstes Eisen und Mangan oxidieren, sodass sie ausfallen.
- Flockung. Ein Flockungsmittel, meist auf Aluminium- oder Eisenbasis, lässt feinste Trübstoffe zu größeren Flocken zusammenklumpen.
- Sedimentation und Filtration. Die Flocken setzen sich ab, der Rest bleibt in Kies- oder Sandfiltern hängen.
- Aktivkohlestufe. Nicht überall vorhanden. Sie bindet organische Spurenstoffe und verbessert Geruch und Geschmack.
- Desinfektion. Nur wenn nötig, meist mit Chlor oder Chlordioxid, in Einzelfällen mit UV-Licht oder Ozon.
Ein verbreitetes Missverständnis: Deutsches Trinkwasser wird nicht flächendeckend gechlort. Viele Versorger mit gutem Grundwasser kommen ohne Desinfektion aus. Gechlort wird bei kritischem Rohwasser, nach Rohrbrüchen und bei Verdachtsfällen. Mehr dazu unter Chlor im Trinkwasser.
Was in dieser Kette fehlt: Stufen gegen Arzneimittelrückstände, Hormone und Mikroplastik. Für diese Stoffe gibt es keine Grenzwerte, also auch keine Pflicht, sie zu entfernen. Die dafür nötigen Aktivkohleanlagen haben längst nicht alle Wasserwerke.
4 Warum es Wasserschutzgebiete gibt
Wasserschutzgebiete schützen das Wasser, bevor es gefördert wird, weil Reinigung im Nachhinein teurer ist als Vermeidung. Rund um jede Förderanlage liegen drei gestaffelte Zonen mit abnehmender Strenge.
In der innersten Zone, unmittelbar am Brunnen, ist praktisch nichts erlaubt. In der mittleren gelten Auflagen für Bebauung, Abwasser und Umgang mit wassergefährdenden Stoffen. In der äußeren wird vor allem die Landwirtschaft eingeschränkt, etwa bei der Düngung.
Wie wirksam das ist, sieht man an den Nitratwerten: Innerhalb von Schutzgebieten liegen sie im Schnitt deutlich niedriger als außerhalb. Das Grundwasser hat ein langes Gedächtnis, was heute aufgebracht wird, taucht teils erst in Jahrzehnten im Brunnen auf. Mehr dazu unter Nitrat im Trinkwasser.
5 Warum Ihr Wasser anders schmeckt als anderswo
Der Geschmack von Leitungswasser kommt aus dem Untergrund, durch den es gesickert ist. Kalkhaltige Schichten geben Calcium und Magnesium ab, das Wasser wird hart. Sandige und saure Böden liefern weiches Wasser.
Deshalb schmeckt Wasser in München anders als in Hamburg, ohne dass eines der beiden besser wäre. Härte ist keine Frage der Qualität. Sie macht Kalkränder im Wasserkocher und ist gesundheitlich unbedenklich, siehe kalkhaltiges Wasser trinken.
Den Wert für Ihre Adresse finden Sie in der Trinkwasseranalyse Ihres Versorgers. Die muss jeder Versorger veröffentlichen, meist steht sie auf der Website der Stadtwerke.
6 Was nach dem Wasserwerk noch dazukommt
Die Qualität, die das Wasserwerk garantiert, gilt bis zur Wasseruhr. Was auf den letzten Metern passiert, steht in keiner Analyse.
Das Verteilungsnetz ist teils Jahrzehnte alt und besteht aus Guss, Stahl, Kunststoff und Kupfer. Im Haus kommen Steigleitungen, Anschlüsse und Armaturen dazu. In Gebäuden vor 1973 können noch Bleileitungen liegen, Kupferrohre geben bei weichem Wasser Kupfer ab. Steht Wasser lange in wenig genutzten Strängen, steigen sowohl die Metallwerte als auch die Keimzahl.
Die Trinkwasserverordnung verpflichtet den Eigentümer, nicht den Versorger. Wer wissen will, was aus dem eigenen Hahn kommt, muss dort messen lassen, nicht am Wasserwerk.
7 Häufige Fragen zur Trinkwassergewinnung
Was genau ist Grundwasser?
Wasser, das durch Boden- und Gesteinsschichten gesickert ist und sich über einer wasserundurchlässigen Schicht sammelt. Es wird über Brunnen gefördert, die je nach Region wenige Meter bis über hundert Meter tief reichen.
Woher kommt Oberflächenwasser?
Aus Flüssen, Seen und Talsperren. Es wird direkt entnommen und braucht die aufwendigste Aufbereitung, weil ihm die natürliche Bodenpassage fehlt.
Wer kontrolliert die Trinkwasserqualität?
Der Versorger untersucht sein Wasser regelmäßig nach der Trinkwasserverordnung, das Gesundheitsamt überwacht ihn dabei. Für die Hausinstallation ist der Eigentümer zuständig.
Wird unser Trinkwasser knapp?
Bundesweit nicht. Regional und in trockenen Sommern schon: Einzelne Versorger haben Entnahmebeschränkungen erlassen, und die Grundwasserneubildung geht in Teilen Deutschlands zurück.
Wo finde ich die Analyse für meine Adresse?
Auf der Website Ihres Wasserversorgers, meist unter „Trinkwasseranalyse“ oder „Wasserwerte“. Auf Nachfrage muss sie Ihnen auch zugeschickt werden.
8 Was Sie über Ihr eigenes Wasser herausfinden können
Trinkwasseranalyse des Versorgers ansehen. Härte, Nitrat, Chlorid und die Herkunft des Rohwassers stehen dort schwarz auf weiß.
Klären, wie alt die Leitungen im Haus sind. Das entscheidet über Blei und Kupfer, und dazu sagt die Analyse des Versorgers nichts.
Ein Filter am Küchenhahn setzt genau dort an, wo Versorger und Verordnung aufhören: bei den Stoffen ohne Grenzwert und bei dem, was die eigenen Rohre beitragen.
Quellen
- Bundeszentrum für Ernährung - Gewinnung von Trinkwasser
- Umweltbundesamt - Trinkwasser gewinnen
- Umweltbundesamt - Trinkwasser aufbereiten
- Bundesministerium der Justiz - Trinkwasserverordnung 2023

