- den seit 2024 laufenden Fall um illegal aufbereitetes Mineralwasser bei Marken wie Perrier, Vittel, Contrex und Hépar in Frankreich
- den älteren, 2012 durch die Dokumentation "Bottled Life" bekannt gewordenen Vorwurf, Nestlé eigne sich in von Dürre betroffenen Regionen wie Pakistan oder Äthiopien Grundwasser an und vermarkte es als Flaschenwasser
Nestlé weist in beiden Fällen ein bewusstes Fehlverhalten zurück. Wir ordnen beide Stränge ein – mit dem aktuellen Stand aus Frankreich bis Mitte 2026.
1 Der aktuelle Fall: Illegal aufbereitetes Mineralwasser bei Perrier, Vittel & Co.
Recherchen der französischen Zeitung Le Monde (Januar 2024) und der Rechercheplattform Mediapart (Juli 2024) deckten auf, dass Nestlé Waters an mehreren Quellen in Frankreich – darunter Vergèze (Perrier) und Vittel/Contrex in den Vogesen – seit den 1990er-Jahren nicht zugelassene Aufbereitungsverfahren wie UV-Behandlung, Aktivkohlefiltration und Mikrofiltration einsetzte, um mikrobiologische und chemische Verunreinigungen aus dem Quellwasser zu entfernen.
Problematisch daran. "Natürliches Mineralwasser" darf nach EU-Regeln nur minimal behandelt werden (etwa zur Entfernung instabiler Bestandteile wie Eisen), nicht aber keimreduzierend aufbereitet werden. Es soll ja gerade unbehandelt und an der Quelle mikrobiologisch einwandfrei sein.
In Proben aus betroffenen Quellen wurden laut Medienberichten unter anderem nachgewiesen [7]:
- Fäkalbakterien
- Rückstände von Pestiziden
- PFAS
Nestlé räumte inzwischen ein, die unzulässige Praxis bereits Ende 2020 erkannt und die französische Regierung 2021 darüber informiert zu haben. Ein Untersuchungsausschuss des französischen Senats kam im Mai 2025 zu dem Schluss, dass die Regierung unter Präsident Macron davon wusste und die Angelegenheit über anderthalb Jahre hinweg vertuscht habe, bevor die umstrittene Mikrofiltration nachträglich genehmigt wurde [8][9].
Nestlé selbst kam 2024 mit einer Geldbuße von rund 2 Millionen Euro davon, ohne dass es zu einer strafrechtlichen Anklage kam. Ein Umstand, der von Verbraucherschützern wie foodwatch als deutlich zu milde kritisiert wurde [7].
Zeitleiste der Ereignisse
Der Fall in sechs Stationen
| Zeitpunkt | Ereignis |
|---|---|
| Seit den 1990ern | Laut Recherchen nicht zugelassene Filterverfahren an mehreren Nestlé-Quellen in Frankreich im Einsatz |
| Ende 2020 / 2021 | Nestlé erkennt die Unzulässigkeit der Praxis und informiert die französische Regierung |
| 2022/2023 | Behörden genehmigen nachträglich eine Mikrofiltration an betroffenen Standorten |
| Januar & Juli 2024 | Le Monde (29. Januar) und Mediapart (18. Juli) veröffentlichen ihre Recherchen |
| September 2024 | Nestlé Waters akzeptiert im Rahmen eines gerichtlichen Vergleichs (CJIP) eine Geldbuße von rund 2 Mio. Euro – ohne Strafprozess |
| Mai 2025 | Die Präfektur Gard setzt Nestlé Waters eine Frist von zwei Monaten, die unzulässigen 0,2-µm-Mikrofilter am Perrier-Standort Vergèze zu entfernen [10]; Nestlé leitet den Verkaufsprozess für sein Wassergeschäft ein [11] |
| 19. Mai 2025 | Untersuchungsausschuss des Senats veröffentlicht seinen Bericht („Eaux minérales naturelles : préserver la pureté“) und wirft dem Staat Vertuschung vor [8][9] |
| 10. Juli 2025 | Durchsuchung der Nestlé-Zentrale in Frankreich (Issy-les-Moulineaux) durch Ermittlungsbehörden nach einer Strafanzeige von foodwatch [12] |
| 18. November 2025 | Ein französisches Gericht lehnt im Eilverfahren den Antrag einer Verbraucherorganisation auf einen Verkaufsstopp für Perrier ab; das Hauptverfahren bleibt offen [13] |
| Dezember 2025 | Die Präfektur Gard entscheidet über den Weiterbetrieb der Perrier-Bohrungen in Vergèze; die Produktion läuft laut Medienberichten unter verstärkter behördlicher Überwachung weiter |
| Mai 2026 | Erneute Durchsuchungen an den Nestlé-Waters-Standorten Vergèze (Perrier) und Vittel im Rahmen der laufenden Ermittlungen [14] |
| 23. Juli 2026 | Nestlé kündigt ein 50:50-Joint-Venture („Peranel“) mit dem Finanzinvestor Platinum Equity für sein Wassergeschäft an (u. a. Perrier, San Pellegrino, Acqua Panna); Abschluss für das erste Halbjahr 2027 erwartet [16] |
Die strafrechtlichen Ermittlungen waren zum Stand Sommer 2026 nicht abgeschlossen. Nestlé betont, unter Aufsicht der französischen Behörden zu arbeiten und mit ihnen zu kooperieren [15]. Parallel dazu gibt Nestlé die alleinige Kontrolle über das Wassergeschäft ab: Im Juli 2026 wurde ein Joint Venture mit dem Finanzinvestor Platinum Equity angekündigt [16].
Ob und wie sich die Vorwürfe konkret auf den nach Deutschland exportierten Anteil der betroffenen Marken auswirken, ist öffentlich nicht im Detail beziffert. Die Ermittlungen und Behördenentscheidungen betreffen in erster Linie die Produktionsstandorte und Genehmigungen in Frankreich.
2 Warum steht Nestle in der Kritik?
Der weltweite Lebensmittelhandel ist fest in der Hand einer kleinen exklusiven Gruppe von Unternehmen. Die Hilfsorganisation Oxfam spricht in diesem Zusammenhang von den „Big Ten“, die fast im Alleingang für das Warenangebot in Supermärkten verantwortlich seien. Dabei handelt es sich nach Oxfam um die folgenden Hersteller von Lebensmitteln und Getränken [2]:
- Nestle
- Unilever
- Mars
- Kellog´s
- Associated British Foods
- Coca-Cola
- PepsiCo
- Danone
- Mondelez International
- General Mills
Die „Big Ten“ und ihre Marken im Überblick, inkl. einer Grafik finden Sie direkt auf der Webseite von Oxfam.
Dieser Grad an Verflechtungen und Marktkonzentration ruft immer wieder Kritiker auf den Plan, die vor zu viel Macht und Kontrolle der zehn Anbieter warnen. Speziell Nestle gerät immer wieder an den Pranger im Zusammenhang mit Vorwürfen, die um Themenfelder wie Kinderarbeit, Abholzung des Regenwaldes, ungesunde Babynahrung, Tierversuche, gentechnisch veränderte Lebensmittel und Ausbeutung der weltweiten Wasserressourcen kreisen. Zum Thema Wasserausbeutung sorgte 2012 die Enthüllungsdokumentation „Bottled Life" für Schlagzeilen. Der Kinofilm von Urs Schnell basierte auf Recherchen des Schweizer Journalisten Res Gehriger.
3 Der Film "Bottled Life" enthüllt Nestles Machenschaften
In „Bottled Life“ geht es um die „Machenschaften“ von Nestle. Dem Konzern wird in einer aufwühlenden Reportage vorgeworfen, sich große Mengen von Grundwasser auch in von Dürre betroffenenen Regionen anzueignen. In diesen Ländern wie Pakistan und Äthiopien verdursten viele Menschen jeden Tag. Das Wasser, das vor Ort zum nackten Überleben gebraucht wird, würde als „Lifestyleprodukt“ für bessergestellte Kunden aus aller Welt verwendet werden [3].
Nestle selbst bestreitet die Vorwürfe und sprach in einer Stellungnahme von einer bewussten Manipulation. Den Zuschauern würde ein „stark verzerrtes Bild“ der unternehmerischen Aktivitäten vermittelt werden [4].
4 Die Einordnung
Im Gegensatz zu den in der Doku beschriebenen Regionen sowie zu den in Frankreich untersuchten Mineralwasserquellen gilt deutsches Leitungswasser als besonders streng kontrolliert. Die Trinkwasserverordnung schreibt für Leitungswasser einen Grenzwert von null nachweisbaren coliformen Bakterien pro 100 Milliliter vor. Die Wasserversorger müssen die Einhaltung regelmäßig gegenüber dem Gesundheitsamt nachweisen. Mehr dazu, wie diese Kontrolle in der Praxis funktioniert und wie gesund Leitungswasser aus dem Hahn tatsächlich ist, lesen Sie in unserem separaten Ratgeber.
Wasser ist unsere Lebensgrundlage und der Ursprung des Lebens. Aus diesem Grund wird das Thema oft hoch emotional geführt.
Menschenrecht oder Marktware? Drei Positionen in der Debatte
- Insbesondere für die Kritiker von Nestle, deren Reichweite über die globalisierungskritische Bewegung hinausgeht, handelt es sich um ein moralisches Thema, deren Kritik oftmals mit einer Haltung einhergeht, dass der Zugang zu Trinkwasser ein Menschenrecht sei und nicht durch Profitinteressen von Unternehmen gefährdet werden dürfe. Die UN hat bereits in einer Resolution „das Recht auf einwandfreies und sauberes Trinkwasser und Sanitärversorgung“ in den Status eines Menschenrechts erhoben; dieser Position schloss sich die Bundesrepublik Deutschland an [5].
- Auf der anderen Seite habe aber das Scheitern des Sozialismus seine defizitäre Natur in puncto wirtschaftlicher Entwicklung enthüllt. Die marktfreundliche Gegenposition im Sinne des Neoliberalismus ist folglich die, dass nur der Markt den hohen weltweiten Bedarf an Trinkwasser stillen könne, sodass es globale Akteure wie Nestle sogar bedürfe, um die Versorgung aller Menschen mit genügend Trinkwasser zu gewährleisten.
- Andere Personen, die sich für die Problematik interessieren, nehmen eher eine Zwischenposition ein und wägen ab, welche wirtschaftlichen Bereiche eher in die Hände des Marktes gehören und welche einer stärkeren staatlichen oder gesellschaftlichen Kontrolle bedürfen.
Der Zugang zum Trinkwasser ist tatsächlich ein existentielles Bedürfnis. Deshalb sei eine stärkere Regulierung des Marktes dringend geboten, um das Verteilungsproblem von Wasser, das in der Zukunft nach Meinung fast aller Experten noch zunehmen werde [6], so sozial gerecht wie möglich zu lösen.
5 Häufige Fragen zum Nestlé-Wasserskandal
Ist Perrier oder Vittel aktuell noch im Handel erhältlich?
Ja. Die Produktion an den betroffenen Quellen läuft weiter, und ein französisches Gericht hat im November 2025 einen Eilantrag auf Verkaufsstopp für Perrier abgelehnt [13]. Nestlé selbst erklärt, alle im Handel befindlichen Perrier-Flaschen seien sicher [15]. Die strafrechtlichen Ermittlungen und die Frage, ob die Bezeichnung „natürliches Mineralwasser“ für die betroffenen Marken dauerhaft haltbar bleibt, sind davon unabhängig weiterhin offen.
Was unterscheidet den aktuellen Fall von den älteren „Bottled Life“-Vorwürfen?
Bei „Bottled Life“ ging es um den Vorwurf, Nestlé eigne sich in wasserarmen Regionen Grundwasser an, das eigentlich der lokalen Versorgung fehle. Der Fall Perrier/Vittel betrifft dagegen die Frage, ob europäisches Mineralwasser mit unzulässigen Verfahren behandelt und Verbrauchern gegenüber fälschlich als naturbelassen deklariert wurde. Ein Vorwurf der Etikettentäuschung und mangelhafter Behördenkontrolle, nicht der Wasserknappheit.
Was bedeutet der Fall für Verbraucher in Deutschland?
Die betroffenen Quellen und Genehmigungsverfahren liegen in Frankreich; eine flächendeckende Belastung von in Deutschland verkauftem Flaschenwasser ist damit nicht automatisch belegt. Wer unabhängig von einzelnen Marken auf kontrollierte, gleichbleibende Wasserqualität setzen möchte, kann alternativ auf gefiltertes Leitungswasser zurückgreifen, dessen Grenzwerte in Deutschland behördlich engmaschig überwacht werden.
6 Fazit
Der Nestlé-Trinkwasser-Skandal hat inzwischen zwei Kapitel:
- den älteren Vorwurf der Wasserausbeutung in Dürreregionen, den Nestlé bis heute zurückweist
- den seit 2024 laufenden, in Frankreich juristisch und politisch aufgearbeiteten Fall um illegal aufbereitetes Mineralwasser bei Perrier, Vittel und weiteren Marken, inklusive Vorwürfen der behördlichen Vertuschung
Vorwurf der Wasserausbeutung in Dürreregionen – Nestlé weist ihn bis heute zurück.
Illegal aufbereitetes Mineralwasser, Geldbuße von rund 2 Mio. Euro, Vertuschungsvorwurf gegen den Staat.
Betroffen sind vor allem französische Standorte; deutsches Leitungswasser unterliegt eigenen, strengen Grenzwerten.
Beide Fälle zeigen exemplarisch dieselbe Grundsatzfrage: Wie viel Kontrolle über eine lebensnotwendige, endliche Ressource wie Wasser sollte privaten Unternehmen zustehen, und wo braucht es stattdessen wirksame staatliche Aufsicht? Unbestritten ist, dass der Zugang zu sauberem Trinkwasser von den Vereinten Nationen als Menschenrecht anerkannt ist. Dieser Anspruch gewinnt angesichts wachsender globaler Wasserknappheit und aktueller Skandale weiter an Bedeutung.
Quellen
- Nau Media (2013) - Nestlé ist europaweit an der Spitze vom Börsenwert her
- Oxfam (2013) - Lebensmittelkonzerne auf dem Prüfstand
- Zeit Online (2013) - Kommentar zur Dokumentation "Bottled Life"
- Nestle - Eigene Argumentation
- Bundeszentrale für politische Bildung (2016)- Menschenrechts auf Wasser
- RND (2021) - Der Kampf ums Wasser in Zeiten des Klimawandels
- foodwatch (2024) - Wasser-Skandal: Nestlé betrügt offenbar schon seit Jahrzehnten
- Sénat (2025) - Rapport n° 628 „Eaux minérales naturelles : préserver la pureté“ – Bericht des Untersuchungsausschusses
- SRF (2025) - Skandal um Nestlé-Wasser: Vorwurf der Vertuschung gegen den französischen Staat
- foodwatch France (2025) - Perrier en sursis : Nestlé mise en demeure
- SRF (2025) - Nestlé will sein Wassergeschäft verkaufen
- foodwatch France (2025) - Perquisition chez Nestlé suite à la plainte de foodwatch
- SRF (2025) - Gericht erlaubt weiterhin Verkauf von Perrier-Wasser
- RTS (2026) - Nestlé Waters visé par des perquisitions sur ses sites français de Perrier et de Vittel
- Nestlé S.A. - Are Nestlé's French natural mineral water brands safe to drink? (Stellungnahme)
- Nestlé S.A. (2026) - Nestlé and Platinum Equity to create Peranel

